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Patrick Salmen - Das bisschen Schönheit werden wir nicht mehr los

Der Alptraum jedes wahnverfolgten Paranoiden.

Das Paradies für Kinder.

Eine verlassene Baustelle. Die Ruine eines Parkhauses, die metallischen Blicke der toten Kräne. Kranburg.

Vom Dorfkind und vom Stadtkind

Eines Tages in meiner Kindheit kam ich auf die von den Fernsehgeschichten induzierte Idee, ein Baumhaus zu bauen. Hoch in den Wipfeln des Apfelbaums in unserem Garten wollte ich residieren und neue Gäste und andere Botschafter von oben herab hineinbeten. Ich fragte also meinen Opa und wir legten los mit dem Bau. Im Nachhinein betrachtet war es weniger ein Haus, vielmehr nagelten wir einfach ein paar Holzplanken in die Baumkrone, die auch gar nicht so hoch war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber als Kind war es das Größte. Vielmehr gab es bei uns nicht.
Das Großstadtleben kannte ich nur von überfüllten U-Bahnen zum Heimspiel des BVB.
Der Studienbeginn zwang meinem Leben einen Wandel auf und neben den öffentlichen Verkehrsmitteln lernte ich auch die Anonymität auf den Straßen doch sehr zu schätzen.

Patrick Salmen skizziert in seinem dritten Werk „Das bisschen Schönheit werden wir nicht mehr los“ diese hochkomplexe, für mich neue Welt mit ihrer ganz eigenen Dynamik. Szenen vor Bau- oder Kraftwerken, in Anbetracht von Hochhäusern und Starkstromkabeln prägen den Eindruck. Momentaufnahmen und Schnappschüsse der Gesellschaft.

Es ist die Geschichte von Gabor K., dem Schukartonmenschen, den Kindern Erik und Jakob, dem Telefonhäusschenliebhaber Herr Richter, dem Pantomime Albrecht, Erich und Jonas, den flugvernarrten Landkartenverweilern, und vielen ungenannten Helden der lokalen Chronik.
Von Kleinkünstlern und Handwerker, von Malern, Pantomime, Schriftstellern und Dachdeckern. Sie alle eint diese Stadt, in der sie leben und auf dessen Straßen sich ihre Wege kreuzen, die Welten aufeinandertreffen ohne zu kollidieren.


Ein roter Plastikball rollt über die Straße und die richtige Antwort lautet: „Hupen und mit gleichbleibender Geschwindigkeit weiterfahren“.

Großstadtromantik

Seine Romanfiguren bilden eine in sich geschlossenes Dorf an lebender Vergangenheit, Nostalgie und Zukunftsvorstellungen. Eine unsichtbare Kraft hält dabei die Anthologie zusammen und erschafft semipermeable Unterkapitel. Charaktere ähneln sich, oder sind sie vielleicht identisch? Die Konturen verschwinden im öffentlichen Raum - aus dem sich zu entziehen, eine Tendenz des Digitalismus scheint.

Alle Leidensgenossen des Abiturs NRW der letzen Jahre inklusive "unlösbarer" Mathe-Klausur werden sich vielleicht ein wenig an "Tauben im Gras" erinnert fühlen und das ist womöglich – ohne in irgendeiner Weise einen Vergleich ziehen zu wollen – eine gute Erklärungsmöglichkeit für die subtile Webtechnik, die ich mir genauso gut auch nur einbilden kann.

Es ist ein Stückchen Ruhrgebietspoetik aus Wuppertal, die Post-Romantik der Metropolen. Das Motiv der Sehnsucht hebt er aus der Zeit der Industrialisierung und bringt sich zusammen mit dem Verfall und Vergessen, der Modernen Welt, der Technik und des Verlierens.

Und trotz dieser tristen Geschichten gewinnt er dem Leben immer doch etwas ab und attestiert ihm eine gewisse, wenn auch ungewisse, Schönheit.

Patrick Salmen zeigt sie, die Geschichten der Bordsteinmenschen, dessen Leben wir im Vorbeigehen stets lediglich Erahnen können. Er bietet Einblick in der Querschnitt unseres Landes und all seinen Hoffnungen, all seiner Trauer.

Und für sich stehen auf wenigen Zeilen persönliche Schicksale, fast Vergessen, wie der Hauch des Windes, im Sturm der Zeit.

 

Patrick Salmen
Das bisschen Schönheit werden wir nicht mehr los
Lektora
ISBN: 978-3-95461-009-9
12,00€ 

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